Staatsbankrott. Der ungewöhnliche Fall Neufundland

Griechenland, Portugal, Spanien – Kandidaten, die in nächster Zeit zahlungsunfähig werden könnten oder es bereits sind.  Doch es wäre beileibe nicht das erste Mal, kaum ein europäischen Staat, der nicht im Laufe seiner Geschichte – oft mehrmals – bankrott geworden wäre! In einen besonderen Fall war England mit seiner Kolonie Neufundland verwickelt.

Bekannt ist Neufundland für seine atemberaubende Natur. Doch auch seine Geschichte hat`s in sich!
von >>>Gérard Bökenkamp, EF-Magazin
Der Unterschied zwischen der Pleite von Unternehmen und der von Staaten besteht darin, dass Unternehmen nach dem Bankrott entweder verschwinden oder übernommen werden, wohingegen Staaten in der Regel in ihrer alten territorialen Form bestehen bleiben.

Eine bemerkenswerte historische Randnotiz ist der Untergang des souveränen neufundländischen Staates in den 30er Jahren des 20. Jahrhundertes. Es ist eines der seltenen Beispiele dafür, dass der Bankrott eines Staates tatsächlich seine Auflösung zur Folge hatte. Da hörte nämlich der dritte nordamerikanische Staat zu existieren auf.

Kaum jemandem ist heute noch bewusst, dass Neufundland zwischen 1919 und 1934 neben den USA und Kanada als dritter Staat Nordamerikas gelten kann. Mit Australien und Neuseeland erhielt Neufundland von seinem ehemaligen Kolonialherren England 1907 einen Dominion-Status. 

Mit der Gründung des Völkerbundes kam den Dominions ein Status vergleichbar mit dem unabhängiger Staaten zu. Die Hauptstadt war St. Johns. Doch selbst in den relativ wohlhabenden 1920er Jahren hatte Neufundland enorme Schuldenberge aufgehäuft. 

Als Ende der zwanziger Jahre die Preise für die Hauptexportgüter, Fisch und Zeitungspapier, um bis zu 50 % einbrachen, explodierte die ohnehin hohe Schuldenlast. Im Jahr 1928 nach den "guten Jahren" machten Neufundlands Schulden das 8,4-fache der Steuereinnahmen aus, im Jahr 1933 war es schon die mehr 12-fache Last. 

Schliesslich mussten fast die gesamten Staatseinnahmen zum Begleichen der Zinslast aufgewendet werden! Im April 1932 kam es zu einer von Gewaltausbrüchen begleiteten Demonstration vor dem Regierungsgebäude, an der 10.000 Menschen teilnahmen. Daraufhin forderte die neue Regierung die Briten dazu auf, wieder die Regierungsgewalt zu übernehmen! (weiter auf Seite 2 dieses Artikels).

Im Dezember 1933 löste sich die neufundländische Regierung selbst auf und im Februar 1934 wurde die Verfassung außer Kraft gesetzt. Die politische Kontrolle ging an eine von den Briten eingesetzte Kommission über, die Neufundland ein System der Korruption attestiert hatte. Das Land wurde auf den Status einer Kronkolonie zurückgestuft. 

Diese Form freiwilliger Rekolonialisierung war ein einmaliger Akt in der britischen Kolonialgeschichte. Im Zweiten Weltkrieg übertrug die britische Regierung die Verteidigung Neufundlands an Kanada, und nach dem Krieg wurde Neufundland nach einer Reihe von Volksabstimmungen schließlich kanadische Provinz.

Der Historiker David Hale merkt dazu an: „Die politische Geschichte Neufundlands in den 30er Jahren gilt heute als Randkapitel der Geschichte Kanadas. Es herrscht praktisch kein Bewusstsein für die außerordentlichen Ereignisse, die sich damals zutrugen. Das britische Parlament und das Parlament eines souveränen Hoheitsgebietes einigten sich darauf, dass die Demokratie sich den Schulden unterzuordnen habe. 

Das älteste Parlament im Britischen Empire – nach Westminster – wurde abgeschafft und über 280.000 englischsprachige Bürger, die 78 Jahre in der direkten Demokratie gelebt hatten, wurde eine Diktatur verhängt. Die britische Regierung nutzte damals die konstitutionelle Macht, um das Land in die föderale Struktur Kanadas zu drängen.“

Am Ende gab es einen Kleinstaat weniger auf der Welt.

Mehr zu Neufundland findest Du auch hier: >>>Neufundland - zwischen Wikingern und Eisbergen.




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