Meine Kindheitserinnerungen. Zugfahrten im Gepäcknetz

Während des Krieges lernte mein Vater bei einer reichen Familie eine Frau kennen, die dort Gesellschaftsdame war. Daraus entwickelte sich auch nach dem Kriege so etwas wie Freundschaft und so durften wir, meine Schwester und ich und natürlich auch meine Eltern öfters zu ihr in die Ferien fahren. Dies war ein Erlebnis! Und nicht nur das. Von Zugfahrten im Gepäcksnetz, Fangis spielen mit den Besatzungssoldaten und Peitschenhieben - meine Kindheitserinnerungen Teil 3.

Überfüllte Züge - in der Nachkriegszeit ganz normal.
Und das "Erlebnis" hatte gleich eine zweifache Bedeutung! Erstens wurde mir regelmässig schlecht – ob vor Aufregung oder weil ich die Fahrt nach Graz fast immer im Gepäcknetz überstehen musste – weiss ich nicht.

Es war nämlich so, dass zu dieser Zeit die Züge so überfüllt waren, dass man mich regelmässig durch ein Fenster hineinreichte und irgendein „liebenswürdiger“ Herr mich abnahm und sofort aufs Gepäcknetz hievte.

Da sass ich nun zwischen lauter Schachteln und Taschen, denn auf den normalen Holzbänken oder in den Gängen war sowieso nie ein Platz frei. Und dann die lange Zugfahrt, ich weiss zwar nicht mehr genau wie lange, aber es dauerte fast einen Tag und natürlich gab es keine elektrische Eisenbahn, sondern man fuhr mit Dampf. 

Und da bei den vielen Menschen und auch von den Gepäckstücken nicht gerade der beste Geruch in den Waggons war, wie man sich vielleicht vorstellen kann, wurde öfters das Fenster aufgemacht - bis wir in Bischofszell verschoben wurden, hatten wir alle ganz schön schwarze Gesichter.

Aber das war noch das kleinere Übel, wenn man sich nämlich hinauslehnte, konnte es schon passieren, dass man ein winziges glimmendes Kohlestückchen ins Auge bekam, und mein Gott, das brannte, und wie! 

Aber eben, diese stickige und stinkende Luft trug wohl auch dazu bei, dass ich mich regelmässig und in schönen Abständen übergeben musste. Und wenn das meine Mutter oder jemand anderer nicht schnell genug bemerkte, na dann könnt ihr euch vorstellen wie „hoch erfreut“ die Leute über mich waren, die unter mir sassen! Meistens bekam ich aber von deren Geschimpfe nicht viel mit, dazu war mir viel zu schlecht. 

Wie gesagt, der Krieg war vorbei, es herrschte Waffenstillstand. Wir waren von den Franzosen besetzt, fünf Kilometer weiter waren die Amerikaner stationiert und meine Grossmutter in der Wachau musste drei russische Soldaten aufnehmen. 

Im Sommer war es eigentlich richtig heiss, eben Sommer, wie man es sich so vorstellt und da durften wir dann doch in die Badeanstalt gehen. Vor dem Schwimmbad war ein grosser geteerter Platz, wo die Franzosen exerzieren mussten. Auf dem Programm standen auch Turnübungen und Purzelbäume schlagen, was für uns Kinder ein Höllenspass war, denn eigentlich konnten sie es nicht. 

So machten wir es ihnen vor und spotteten sie aus. Dann liefen sie uns nach, aber sie erwischten uns nie. Denn wir machten einen Haken und sie rutschten mit den genagelten Schuhen immer geradeaus. Mit einer Freundin von mir, die ein Gasthaus besassen, wo auch die Franzosen einquartiert waren, verkauften wir denen immer Brot, das vom Vortag war. 

Die Mutter von Elke, so hiess meine Freundin, gab es uns in einen grossen Korb und so gingen wir halt in die Gaststube und hofften, dass sie etwas abkauften. Aber eigentlich nahmen sie es uns immer ab, entweder hatten sie Mitleid mit uns, weil wir ja noch ganz klein waren oder sie hatten einfach ihren Spass daran. Die waren eigentlich ganz nett, die „normalen“ Soldaten, aber es gab auch ganz andere! 

Wir hatten in unserer Stadt einen wunderschönen Park mit Hotel, der war im Krieg heil geblieben, und so waren im Parkhotel die Herrn Offiziere einquartiert. An den Samstagen spielte dann immer eine Militärkapelle und die Mütter gingen mit ihren Kindern dorthin. Ob sie nur der Musik lauschen wollten oder vielleicht auch hofften, jemanden von den anwesenden Offizieren kennen zu lernen, das entzieht sich meiner Kenntnis. 

Dann sassen diese Herren um die Tische und tafelten! Nein, sie assen nicht, sie tafelten! Sie waren alle elegant gekleidet, hatten Reiterhosen an und bis zum Knie schwarz glänzende Lederstiefel. In der Hand hatten sie eine kleine Reiterpeitsche, mit der sie ständig im Takt auf ihre Stiefel klopften. 

Doch was es da alles an Essbaren gab, liess uns Kindern nur den Mund offen stehen. Wir hatten ja nichts! Der Hunger war immer präsent und so standen wir dann ehrfürchtig im Kreis und schauten mit sehnsüchtigen Augen auf all diese Herrlichkeiten. 

Und so machten sich diese Herrn Offiziere den Spass daraus und warfen Obst oder andere Sachen vor uns auf den Boden. Wenn aber eines der Kinder darauf zulief, um es aufzuheben, schlugen sie mit der Peitsche nach ihm. So wagten wir es bald nicht mehr und eigenartigerweise sehe ich diese „Herren“ immer noch vor mir, mit den Stiefeln und der kleinen Peitsche! 

Es war aber auch die Zeit, wo wir zum ersten Mal einen „Neger“ sahen! Damals war „Neger“ absolut kein Schimpfwort, im Gegenteil: Wir Kinder sangen alle das Lied von den „Zehn kleine Negerlein . . .“ und in unserer Phantasie waren dies alle liebe kleine schwarzgelockte dunkle Kinder, die man einfach lieb haben musste. 

Also, es begann eigentlich ganz harmlos. Wir gingen mit unserer Mutter zum Bahnhof, denn meine Schwester und ich durften mit ihr nach Innsbruck fahren. Das war etwas ganz Besonderes, denn das passierte höchstens zweimal im Jahr, obwohl wir nur zehn Kilometer davon entfernt wohnten. Doch natürlich hatten wir kein Geld und wenn man dann einmal in die Hauptstadt fuhr, dann nur, um zu sehen, ob man vielleicht etwas Günstiges zum Anziehen fand. 

Nun wir standen am Bahnhof und warteten auf den Zug. Da plötzlich kam ein Neger und steuerte geradewegs auf unsere Mutter zu. Mein Gott war der gross und soooooooo schwarz! Vermutlich erschien er uns nur so gross, keine Ahnung, aber wir sahen auch das grosse Messer, das an seiner Seite herunterhing und wir dachten, er würde uns umbringen.

So liefen wir so schnell wie nur irgendwie möglich davon und versteckten uns. Und so sehr uns die Mutter auch rief, wir hatten keine Lust von diesem Schwarzen gefressen zu werden. 

Jetzt grinste er auch noch und entblösste eine Reihe schneeweisser und wie es uns schien riesengrosser Zähne. Meine Mutter sprach mit ihm und deutete immer auf uns, aber er schüttelte nur den Kopf. Als der Zug einfuhr, liefen wir halt doch schnell zur Mutter, um einzusteigen. Sie schimpfe mit uns die ganze Fahrt, weil – wie wir später herausbekamen – der Soldat mit ihr gehen wollte und ihr nicht glaubte, dass wir ihre Kinder seien, da wir ja nicht kamen, logischerweise. 

Na ja, so ging dieses Abenteuer vorbei und gefressen wurden wir auch nicht!

Du hast den zweiten Teil verpasst? >>>Verlorene Kindheit

Und hier geht`s weiter zu Teil 4 >>>Weihnachten zu Ostern








Instagram

Written by Blogger: (click picture for more info and stats)













0 Kommentare, Tipps & News von LeserInnen:

Meist geklickt