Meine Kindheitserinnerungen. Österreich wurde frei - ich nicht

„Da“, „njet“, „spasiba“ und „do svidaniya“! Nun ja, viel war es ja nicht, was da in russisch so rüber kam, aber für mich als Kind reichte es, um das Maskottchen der drei russischen Besatzungssoldaten zu sein, die bei meiner Grossmutter einquartiert waren. Sechster Teil und Abschluss meiner Mini-Serie... 

Krems an der Donau 1946. Hier beginnt die "Wachau"...
Der Krieg war vorüber...

... und Österreich aufgeteilt in vier Besatzungszonen. Natürlich war die österreichische Bevölkerung nicht glücklich darüber und es passierten sicherlich schlimme Dinge - trotzdem denke ich, war es noch human gegenüber den Verbrechen, die die deutschen Soldaten der Zivilbevölkerung in Russland und auch in den anderen besetzten Gebieten angetan hatten. 

So leid es mir auch tut und ich sicherlich niemanden Böses wünsche, so kann ich selbst jetzt nicht nach all den vielen Jahren so wirklich ehrliches Mitleid empfinden. Es stellt sich nämlich mir immer die Frage, wer hat denn den Krieg angefangen, wer ist mit unbeschreiblicher Grausamkeit gegen die Menschheit vorgegangen und wer hat sich voll und ganz hinter diese Mördermaschinerie gestellt? 

Was ein so sollte man wenigstens meinen intelligentes Volk zu solch abscheulichen Verbrechen bewogen hat wird wohl für immer unverständlich bleiben. Aber die Saat des Bösen ist voll und ganz aufgegangen, sei es in den Kindern und Kindeskindern, denn nicht umsonst spricht man schon seit langem von einem „Vierten Reich“! (Doch dies in einem anderen Artikel!). 

Doch zurück zu meinen Kindheitserinnerungen und da zu meiner Grossmutter. 

So einmal im Jahr fuhren wir in die Wachau, um meine Grosseltern mütterlicherseits zu besuchen. Sie bewohnten eine Küche und ein Schlafzimmer. Über dem steinernen Korridor gelangte man noch zu einem winzig kleinen Zimmer, welches auch noch dazu gehörte. 


Darin hatte nur ein Bett und Stuhl Platz. Ich kann mich weder an einen Kasten oder einen Tisch erinnern. Doch die Russen sagten zu meiner Grossmutter immer „Du Kapitalist“ und erklärten ihr, dass sie in Russland alle in einem einzigen kleinen Zimmer hausten, alle – das waren Eltern, Kinder, Schweine und Hühner – ja, so war das damals, noch keine russischen Millionäre wie heutzutage! 

Aber es waren drei gutmütige Bauernburschen, die bei meiner Grossmutter einquartiert worden waren. Sie halfen meiner Oma überall wo sie konnten, gingen in den Wald um Holz zu holen, nahmen ihr die schwere Arbeit ab und trugen mich Huckepack, was mir natürlich sehr gefiel! ...

Auch meinem Grossvater zollten sie Respekt und meiner Mutter, und wir fühlten uns von ihnen beschützt. Nun ja, wir Kinder streunten da schon etwas umher, das war schön, denn wenn wir mit Mutter allein waren, war sie nicht so streng und wir durften mehr machen. Aber wir mussten immer aufpassen, denn neben der Donau war wild bewachsenes Grasland und man wurde immer gewarnt dort nicht herumzulaufen, wegen der Minen.

Auch sonst war es traurig! Lauter Ruinen, wo man das Gefühl nicht los wurde, dass einem die glaslosen leeren dunklen Fenster anklagend anblickten. Es beschlich mich jedes Mal ein seltsames Gefühl! Die Eisenbahnbrücke war in die Donau gestürzt (entweder durch einen Bombenangriff oder Sprengung) und das Stahlgerüst ragte anklagend gegen den Himmel!


  
Die Strassen waren alle von Schutt und Trümmern noch nicht vollständig geräumt und die Geschäfte, ach ja die Geschäfte! Ich weiss nicht, ob man das Geschäfte nennen kann? Es waren einfach in Hausgängen eingerichtete Lebensmittelläden mit alten Eingangstüren und den kleinen Fenstern, wo auf Karton stand, was man erwerben konnte! 

Viel war es wohl nicht und trotzdem drückten wir jedes Mal unsere Nasen platt daran um etwas zu entdecken, was es eigentlich gar nicht gab! Und manchmal bekamen wir von einer Tante 50 Groschen, war das ein Tag! Der wurde von meiner Schwester und mir natürlich verjubelt. 

Man bekam da so ein süsses klebriges Zeug, so ähnlich wie eine Schwedenbombe, aber rundum steckte dieser Schaum in einer Waffel. Ich glaube, es gibt so eine Art noch heute, sicher besser! Mutter sagten wir jeweils nichts davon, die wollte nicht, dass wir naschten! Aber was heisst naschen, es gab sowieso nur etwas, wenn uns eine Tante oder irgendwer was zusteckte! 

Aber irgendwie war diese Zeit doch gut für uns! Niemand hatte etwas und wenn, dann teilte man und wir hatten „Gspänli“ zum Spielen, das war wohl das Schönste! Daheim in unserer Kriegswohnung war das nicht erlaubt und es war ein tristes und einsames Kindheitsleben! 

Am 15. Mai 1955...

... wurde von den Grossmächten der USA, Sowjetunion, Frankreich und Grossbritannien einem österreichischen Staatsvertrag zugestimmt und bis 27. Juli 1955 befand sich kein fremder Soldat mehr auf Österreichs Boden. „Unsere Russen“ weinten wirklich bittere Tränen und wollten nicht gehen, aber natürlich mussten sie. Wir haben nie wieder was von ihnen gehört! 


Und Aussenminister Leopold Figl sprach an diesem denkwürdigen Tag „Österreich ist frei!“ (Was aber nicht bewiesen ist, gerüchteweise wurden diese Worte erst später auf Band besprochen!) Damals war ich noch ein Kind, aber „meine Kindheit“ war zu Ende und da ich ja über meine „Kindheitserinnerungen“ berichten wollte, habe ich nichts mehr hinzuzufügen. 

Österreich war also frei... 

... doch für mich sollten noch Jahrzehnte vergehen bis auch ich sagen konnte: „Jetzt bin ich endlich frei!“

Für Teil 5 von "Meine Kindheitserinnerungen" >>>hier klicken









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