Brief von Gerd - Liebe Trauernde!

in den letzten Tagen war bei uns ein tragischer Verkehrsunfall - ein hoffnungsvoller, ganz junger Mann wurde mitten aus dem Leben gerissen. Wie man das verhindern hätte können und ob wer schuld hat - interessiert mich nicht - was mich interessiert sind die Menschen die zurückbleiben.


Die Menschen, die nicht wissen, wie sie mit ihrem Schmerz weiterleben sollen. Ich habe mir heute die Todesanzeigen durchgelesen - da sind eine Unmenge von Freunden, da sind Arbeitskollegen, da sind Geschwister, das sind Eltern und da ist eine Freundin, die ihren Lebensinhalt verloren hat.

Was diesen Menschen sagen - ganz, ganz schwer - und ich hab ein wenig gesucht und ich hab was gefunden - ich weiss nicht, ob diese Menschen jetzt schon in der Lage sind, dies zu verstehen - ABER vielleicht lesen sie es ja später einmal, wenn sich der scheinbar undurchdringbare Nebel ein wenig gelichtet hat. Ich finde die Geschichte schön und irgendwie tröstlich.

Mein herzliches Beileid an alle Trauernden....
Einleitung zur Geschichte

Als sich herumsprach, dass die weise Frau, die schon so lange allein mitten zwischen ihren alten Büchern lebte, bald sterben würde, kamen Menschen von nah und fern, um ihr Fragen zu stellen, nach dem richtigen Leben, nach dem Sterben und dem, was wohl nach diesem Leben kommt. Von ihr erhofften die Suchenden Antworten auf die Fragen, die ihr Herz bewegten.

Sie saß zwischen ihren Geschichtsbüchern und Büchern mit Geschichten, zwischen Büchern mit Gedichten, Büchern mit Sprüchen und Liebesbriefen, Büchern mit Träumen und Visionen.

Welchen Sinn hat mein Leben noch?

"Ich frage mich, wofür es sich noch zu leben lohnt", sagte eine Frau leise. "Meinen Partner musste ich schon zu Grabe tragen. Nun bin ich allein. Zu zweit hatte das Leben Sinn. Nun gibt es kein Ziel mehr und nichts, wofür es sich noch zu leben lohnt."

Es schien, als ob die Frau diese Sätze eher zu sich sprach. Also antwortete die alte, weise Frau nicht darauf, sondern erzählte diese Geschichte:

In einem fernen Land, lange vor unserer Zeitrechnung, war Folgendes üblich: Wenn ein König starb, so musste seine Gemahlin mit in den Tod gehen, dass sie ihm eine Gefährtin auf dem Weg ins Jenseits sei.

So wurden die Frauen der Könige mit begraben, unabhängig von ihrem Alter. Zwei Ausnahmen gab es für diese Regel. War die Frau sehr krank, so durfte sie weiter leben, denn eine kranke Frau, so sagte man, könne dem König auf dem Weg ins Jenseits keine Hilfe sein, sie würde ihm sowieso bald folgen. Ebenso verhielt es sich, wenn die Frau geistig verwirrt war. Sie würde ihn belasten, sagte man, also lies man einer solchen Frau das Leben.

Es begab sich nun, dass ein junger König im Kampf schwer verletzt wurde; er rang mit dem Tod, doch starb nach einigen Wochen. Sein Gesicht war noch schmerzverzerrt, als er zu Grabe gelegt wurde. Als man seine Frau holen wollte, sie mit ins Grab zu legen, musste man erfahren, dass der Schmerz um Krankheit und Verlust ihres geliebten Gatten scheinbar ihren Geist verwirrt hatte. Den größten Teil der Tage verbrachte sie damit, mit einem großen Korb durch den Palast, durch Straßen und über Felder zu gehen. Schier endlos betrachtete sie dabei die Pflanzen, den Sonnenuntergang sowie des Nachts die Sterne. Sie lächelte fremden Menschen zu, und spielte mit Kindern auf der Straße. Einige behaupteten, man habe sie mit Tieren sprechen gehört. Nein, diese Frau sollte nicht mit dem König gehen. So behielt sie ihr Leben.

Mit der Zeit vergaß man sie und den König.

Jahrhunderte später stießen Forscher auf ein Grab aus jener Zeit. Als man es öffnete fand man darin zwei mumifizierte Menschen, den Leichnam eines Königs und neben ihm den Leichnam einer viel älteren Frau, die einen großen Korb umschlungen hielt. Man rätselte, wer diese Frau sei, da Könige doch ihre Gattinnen mit ins Grab nahmen. Erst als man den Text auf der Schriftrolle entzifferte, die als einzige Beigabe im großen Korb lag, wusste man, wer hier ewige Ruhe fand:

"Hier bin ich nun, mein Liebster. Ich habe den Weg vollendet, dessen ersten Abschnitt wir gemeinsam gingen, denn scherzerfüllt und mit leeren Händen wollte ich dir nicht folgen.

Ich habe mir Zeit gelassen, die Sonnenstrahlen des Tages zu sammeln, sowie das nächtliche Glitzern der Sterne, den Anblick wunderbarer Blumen, den Duft frisch gemähter Wiesen, die fragenden Blicke der Fremden und das lebendige Lachen der Kinder, auch Trauer und Trost, Einsamkeit und Erfüllung, Sehnsucht und Glück.

So kann ich dir nun viel von dem mitbringen, was dir nicht mehr vergönnt war. All das wäre für uns verloren gewesen, wenn ich nicht weiter durchs Leben gegangen wäre. Nun haben wir all dies für unseren weiteren Weg in die Ewigkeit."

Die Forscher, die das Grab geöffnet hatten, berichten, dass man im Gesicht des verstorbenen Königs deutlich ein Lächeln erkannte.

Als die weise Frau, die zwischen ihren Büchern saß, diese Erzählung beendet hatte, blieb es still. Über die Wangen einiger Zuhörer liefen Tränen.

Niemand sah die Frau an, die mit ihrer Frage danach, welchen Sinn ihr Leben habe, diese Erzählung ausgelöst hatte, bis plötzlich jemand sie spontan und lange umarmte. Und von irgendwoher klang ein Danke in den Raum.








Instagram

Written by Blogger: (click picture for more info and stats)













1 Kommentare, Tipps & News von LeserInnen:

  1. Hm, ein "gefällt mir" ist wohl bei diesem Thema nicht angebracht. Deshalb schreib ich so - du findest wirklich immer wieder so wunderbare Worte! Selbst für so ein schreckliches Thema. Aber das gehört eben genauso zum Leben.

    AntwortenLöschen

Danke für eure Kommentare. Und dafür, dass ihr fair und mit Respekt anderen Meinungen gegenüber diskutiert.

Euer HotNewsBlog-Team

Meist geklickt