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#nicht immer brav aber...immer wOw


Nouvelle Cuisine in den Nachkriegsjahren

Meine Leser erinnern sich vielleicht noch an meine Beschreibung von der Nouvelle Cuisine in Paris im Winter 1870/71. So waren Hunde, Katzen und Ratten nichts Aussergewöhnliches auf dem Speiseplan und auch Steaks von Büffeln, Zebras und Jaks fanden ihre Geniesser. Dass Menschen in Notzeiten immer wieder erfinderisch sind, zeigte sich nicht nur in diesen Jahren, nein auch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Alles war zerstört, und so war Fantasie und Einfallsreichtum beim Essen gefragt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Nahrung Mangelware.

Die meisten Menschen jener Zeit hatten kaum etwas zu essen, ausser man besass einen Bauernhof.  Das war in meiner Familie nicht besser und ich erinnere mich noch sehr genau daran, was uns unsere Mutter auf den Tisch stellte. 

Es mag für manche etwas eigenartig klingen, aber wenn ich so darüber nachdenke, hatten diese mehr als einfachen Gerichte Geschmack und der Hunger tat das übrige. Einige davon möchte ich euch kurz vorstellen - nachkochen erlaubt :) 

Rosenkuchen
Dieser bestand aus einem Hefeteig und wurde mit gezuckertem Kaffeesatz gefüllt. Wobei das natürlich kein Bohnenkaffee war, so was gab es schon gar nicht, sondern er bestand aus gerösteten Eicheln und irgendeinem schwarzen Stück undefinierbarem Etwas, das man von einem harten Klumpen abbrach, in einen Topf mit Wasser gab, dieses aufkochte und dann wurde diese Brühe durch ein Sieb gegeben und der ach so wuuuuuuunderbare Kaffee war fertig. 
Und dieser Kaffeesatz wurde dann als Füllung verwendet! Und warum Rosenkuchen? Na ja, Mama formte oben den Kuchen wie eine Rondelle, so dass eine Ähnlichkeit mit Rosen nicht abzustreiten war! Später kam dann der „Kathreiner“-Kaffee von uns liebevoll „Blümchenkaffee“ genannt, der schmeckte schon etwas besser!

Griesskartoffeln und Griess-Nudeln
In einer Pfanne mit etwas Margarine wurde Griess angeröstet, mit Wasser aufgegossen und umgerührt, bis ein dicklicher Brei entstand. 
Darin gab man klein geschnittene gekochte Kartoffel, rührte das Ganze um, schmeckte mit Salz ab und fertig! Und wenn wir Glück hatten, gab es dazu Salat. Bei den Griessnudeln war das Rezept dasselbe, nur halt mit Teigwaren!

Baunzen
Das war eigentlich unsere Leibspeise. Ich denke, in den verschiedenen Bundesländern gab es dafür auch verschiedene Namen, wir nannten es „Baunzen“. 
Das war ein Kartoffelteig, zu einer etwas dickeren Rolle geformt und dann circa 1- bis 11/2 Zentimeter abgeschnitten und in heissem Fett heraus gebacken bis sie goldgelb waren. Das schmeckte so richtig gut und war eigentlich ein Festessen.

Gemüse
Das Gemüse bestand die meiste Zeit aus Kohl und Spinat aus jungen Brenn-Nesseln (das macht man ja auch noch heute). Dazu gab es dann Kartoffeln und mit etwas Glück ein Rührei. 
Zum Kohl fällt mir gerade eine Geschichte ein. 
Ein paar Häuser weg von uns war ein kleines Schloss, darin wohnte ein Graf. Als dieser starb, durfte man hineingehen und den Aufgebahrten ansehen. Natürlich waren wir Kinder neugierig und so standen wir also vor dem Sarg und darin lag Graf Stoltenberg.  
In seiner Uniform mit all den Medaillen, schön hergerichtet mit Kerzen rundum, aber sein Gesicht war so fahl und ich konnte einfach nicht den Blick von ihm wenden. Daheim gab es zum Nachtessen Kohl und mir wurde dieser immer mehr und mehr im Mund und ich sah immer nur das bleiche Gesicht des Grafen, bis ich mich übergeben musste. 
Ich konnte hernach lange keinen Kohl mehr essen.

Herrenspeise
Achtung! Männliche Leser nicht weiter lesen! Ja, das war natürlich etwas ganz Besonderes! In unserer Stadt war eine Metzgerei, da ging meine Mutter einmal im Monat die „Herrenspeise“ holen. 
Sie ging dabei immer um die Theke herum und flüsterte mit dem Metzger! Oft sagte sie dann, die Herrenspeise kommt erst morgen! Die Herrenspeise, ja was war das? Auf unsere Frage erklärte uns die Mutter das seien Stierheberl. Ja, jetzt wussten wir  soviel wie vorher! 
Erst viel später erfuhren wir, dass es die Hoden eines Stieres waren, igitt! Aber scheinbar hat es doch geschmeckt, denn es wurde immer aufgegessen! Und aufgepasst: In den USA und Mexiko ist dies wieder eine Delikatesse in den Restaurants!

Kartoffelgulasch
Das gab es immer, wenn unsere Mutter Waschtag hatte. Denn das konnte sie vorkochen und es schmeckte wunderbar. 
Zwiebel in etwas Fett anrösten, geschnittene Kartoffelwürfelchen zugeben, Salz, Pfeffer, Knoblauch etwas Tomatenmark und Paprikapulver, umrühren und aufpassen, dass das Pulver nicht dunkel wird, sonst schmeckt es bitter, aufgiessen und so lange köcheln lassen, bis die Kartoffel so weich sind, dass eine sämige Sauce entsteht. 
Mache ich auch heute noch, natürlich mit Wurst oder Fleisch drinnen und meine Enkelkinder lieben es!

Pilze und Beeren
Wenn die Pilz- und Beerenzeit ihren Anfang nahm, gingen wir oft für den ganzen Tag in den Wald, um diese Kostbarkeiten zu sammeln. 
Dann gab es wunderbare Pilzgerichte, Schwammerlgulasch oder Brätlinge, die wurden direkt auf der Herdplatte gebraten und schmeckten köstlich und wenn wir das Glück hatten, und wir fanden viele Pilze, dann wurden sie auf einen festen Zwirn aufgefädelt und aufgehängt. Das war unsere „moderne“ Trocknungsanlage. Und im Winter gab es dann herrliche Pilzsuppe. 
Mit den Beeren wiederum zauberte unsere Mama herrlichen Pudding. Das heisst: der Pudding war weniger herrlich, wurde er doch aus verwässerter Milch und Mehl zusammengepappt – wenn es gut ging, kam noch ein Ei hinzu – aber die Beeren obenauf, hmmmmm!

Aufbaupräparate
Natürlich fehlte uns Kindern vieles an Nährstoffen, denn das Essen war knapp und meistens mit viel Mehl oder irgendetwas verlängert, nur damit man satt wurde. Ich musste als Kind schon all meine Zähne plombieren lassen, nicht weil ich zu viel Süssigkeiten gegessen habe, die gab es gar nicht, sondern aus Kalkmangel. 
Um dem etwas nachzuhelfen, musste ich Eierschalen essen – ja ja, du liest schon richtig – Eierschalen! Denn Tabletten gab es nicht oder wenn, dann für uns nicht erschwinglich und so riet der Arzt meiner Mutter zu Eierschalen. Diese hat sie dann zerstossen und mit Zucker und Kakao gemischt, damit ich sie lieber zu mir nahm. Ich hatte das Gefühl, mein ganzer Mund wäre voller Sand. 
Oder Lebertran! Mein Gott wie ekelig! Da gab es noch keine Vitamin-D-Tropfen und so bekamen wir jeden Tag einen Löffel von dieser abscheulich stinkenden Brühe. Wir mussten uns jedes Mal die Nase zuhalten und das Zeug schnell schlucken, sonst hätten wir uns jedes Mal übergeben.

Sirup oder „Kracherl“
Was, Du weisst nicht was ein „Kracherl“ ist? Na, ich denke die älteren Leute von Österreich wissen das haargenau! Ein „Kracherl“ ist eigentlich nichts anderes als eine Limonade. Aber weil sie in Flaschen abgefüllt war, mit dem Klickverschluss wie früher auch die Bierflaschen, gab es jedes Mal so ein kleines klickendes Geräusch, wenn man sie öffnete – es machte also einen Krach – und so war es halt dann einfach das „Kracherl“. 
Also, meine Mutter machte aus den Hollunderblüten selbst gemachte Kracherl. Füllte es in Flaschen ab, die unter den Ehebetten gelagert wurden und dann – na was soll ich sagen – eines Abends, wir sassen gerade beim Nachtmahl – ja, da krachte es und es wollte gar nicht mehr aufhören. 
Zuerst waren wir so erschrocken, denn es klang wie Maschinengewehr, aber es waren die Flaschen, die alle zerbarsten. Mutter hatte sie zu voll gemacht und so konnte der Druck nicht mehr entweichen. Diese „Schweinerei“ kann man sich kaum vorstellen!

Haltbar machen
Natürlich gab es keinen Kühlschrank, aber das war in meiner Kindheit gar nicht nötig. Die Winter waren so eiskalt, dass man für Tage nicht aus den Fenstern sehen konnte, so zugefroren waren sie. 
Also legte man das Essen, welches länger halten sollte, einfach in die Zwischenfenster und dort gefror es. So konnte meine Mutter immer auch etwas vorkochen und man musste niemals auf ein Haltbarkeitsdatum schauen. 
Vor Weihnachten machten wir unsere selbst gefertigten Schokoladefiguren. Dazu brauchte man einfach verschiedene Förmchen, die mit flüssiger Schokolade, Zuckermasse und wieder Schokolade gefüllt wurden, eine grosse Schüssel voll Schnee, in welche man diese hineinsteckte und dann konnte man ganz einfach warten, bis die Masse gefroren. 
Aus den Formen nehmen, in Silberpapier – welches ein Jahr lang von gekaufter oder geschenkter Schokolade aufgehoben und glatt gestrichen wurde - einwickeln und auf den Christbaum hängen, fertig!

Also, das sind nur ganz wenige Beispiele, aber ihr könnt sehen, dass Armut erfinderisch macht und wenn ich zurückdenke an diese Zeit und beobachte wie es in der heutigen Zeit zu- und hergeht und die Leute mit ihren übervollen Einkaufswagen in den Läden herumrennen, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. 

Denn dann hat man das Gefühl, die Geschäfte wären mindestens für drei Wochen geschlossen und nicht nur für zwei Tage übers Wochenende zum Beispiel!

Aber trotzdem wünsche ich euch allen, dass ihr so oft wie möglich euer Lieblingsessen geniessen könnt, aber vergesst nicht, dass andere vielleicht nicht einmal ein Stück Brot haben. Bitte ehrt euer Essen, indem ihr nichts verschwendet oder verderben lasst. 






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