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#nicht immer brav aber...immer wOw


Sollten Sie in Russland investieren?

„Kaufen, wenn die Kanonen donnern, verkaufen, wenn die Violinen spielen.“ Carl Meyer Rothschild. Donnern die Kanonen bereits? Ein wenig. In den letzten Monaten hat sich ein in der europäischen Nachkriegsgeschichte beispielloses Ereignis abgespielt. Mit der Unterstützung eines Nachbarlandes, spaltete sich ein Teil eines anderen Landes ab und „wechselte“ die Flagge.


Von Ekaterina Beekes, Expertin für interkulturelles Management

Gemeint ist natürlich die Krim-Halbinsel, die sich an Russland angeschlossen hat. Zwei weitere Provinzen in der östlichen Ukraine befinden sich quasi im Kriegszustand, bei dem die Regierung in Kiew versucht, ihre Hoheit über die an die Separatisten verlorenen Gebiete wieder herzustellen. 

Die Separatisten wiederum verfolgen die gleichen Ziele wie die Bürger der Krim: Einen Anschluss ihrer Gebiete an Russland. Russland unterstützt dieses Vorhaben mehr oder weniger offen.  
Im Fall der Krim sogar ganz offen, wofür das Land international durch „Sanktionen“ abgestraft wurde. Diese richteten sich nicht gegen das Land oder den Handel mit Russland selbst, sondern gezielt gegen einige politische Schlüsselfiguren.

In solchen Zeiten ist es immer schwierig, ökonomische Entscheidungen zu treffen. Mit einem Mal potenzieren sich die Risiken und verlagern sich von der wirtschaftlichen auf die politische Ebene. Aber gerade hier wird die verzwickte Lage beider Parteien deutlich. Man braucht trotz allem zumindest derzeit einander. 

Europa braucht das russische Gas und Öl und viele Firmen haben in Russland große Beträge investiert. Die USA brauchen Russland für politische Unterstützung an anderen Fronten, wie z.B. in Syrien und Iran. Und Russland braucht Europa als Gas- und Ölkunden und ausländische Investitionen für das Wachstum der eigenen Wirtschaft. 

Von daher wundert es wenig, wenn politische Maßnahmen gegen Russland eher verhalten ausfallen. Es verwundert vielleicht eher, dass Russland bereit ist, ökonomische und politische Risiken dieses Ausmaßes einzugehen.

Auf der Jagd nach Umsatz und Wachstum haben viele Unternehmen aus Westeuropa auf die BRIC-Länder gesetzt (Brasilien, Russland, Indien, China). 
Alles aufstrebende Volkswirtschaften mit einer enormen Bevölkerung, deren Kaufkraft nach dem Ende des kalten Krieges stetig wuchs und wächst. Die Rechnung ging ja auch auf. 

Dennoch darf man nicht verkennen, dass auch in einer globalisierten Welt, in der die Volkswirtschaften sich zunehmend vernetzen und die gegenseitigen Abhängigkeiten steigen, Länderrisiken existieren, die sich nun im Falle von Russland manifestiert haben. 

Was die Verunsicherung mit der Lage steigert ist, dass sich Russland nach westeuropäischem Verständnis nicht rational verhält. Wie kann man einem solchen Land trauen? Wie kann man seine Investitionen schützen? Und sind diese noch sicher? Was könnten mittel- bis längerfristige Konsequenzen sein?

Ein wenig kommt man sich vor wie zu den Zeiten, die als überwunden geglaubt wurden, nämlich wie im kalten Krieg. Sieht man die Nachrichten im deutschen Fernsehen, so steht das böse Russland gegen die heldenhafte Ukraine, die sich aus dem russischen Würgegriff befreien möchte. 

Schaltet man durch die russischen Fernsehkanäle, ist das Bild natürlich genau andersherum. Dort helfen besorgte Russen ihren Landsleuten in einem Nachbarstaat, in dem es gerade einen Putsch gegen die amtierende Regierung gegeben hat.  
Im Eilverfahren wurde die Krim-Halbinsel unter die Kontrolle von russischen Truppen gebracht, die sich als solche nicht zu erkennen gaben, und der Russischen Föderation einverleibt. All das in einem Tempo, das westlicher Diplomatie fremd ist.

Gerade das Vorgehen von Russland, personifiziert durch Präsident Putin, gibt der Bevölkerung im Westen Rätsel auf. Man fühlt sich an die Kanonenbootpolitik der viktorianischen und wilhelminischen Epoche erinnert. Und trotz aller diplomatischen Anfeindungen und Sanktionsdrohungen ging Putin unbeeindruckt seinen Weg. 

Was wie ein Hazardeursstück wirkt, ist aus russischer Sicht jedoch nicht unlogisch. Wer sich mit Russland auskennt, kann eine interkulturelle Brücke schlagen zwischen den Ereignissen und den wahrscheinlichen Intentionen der Akteure.

Die geschrumpfte Großmacht

Russland hat eine große imperiale Tradition. Erst waren es die Zaren, die ein riesiges Reich eroberten, das vom Nordmeer bis zu den Steppen Zentralasiens und von der Ostsee bis zur Bering-Straße reichte. 

Auch nach der Oktoberrevolution ging es der kommunistischen Partei im Bürgerkrieg darum, die verlorenen Territorien (wie z.B. die Ukraine oder auch den Kaukasus) wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, diesmal im Namen der kommunistischen Ideologie.  
Nach dem 2. Weltkrieg folgten weitere Gebietsvergrößerungen und gleichzeitig wurden in den osteuropäischen Staaten, die von der Roten Armee befreit worden waren, kommunistische Regime etabliert und so der Machtbereich indirekt erweitert. 

Von daher fiel Russland seit dem 17. Jahrhundert die Rolle einer Groß- und Weltmacht zu. Dieses Bewusstsein ist bis heute in Bevölkerung verwurzelt, denn natürlich wurde diese Großmachtsmentalität von den jeweiligen Machthabern noch gefördert. Die dominante Rolle spielten zu allen Zeiten natürlich die Russen selbst, die sich im Rahmen der neuen Staatlichkeit auch in den hinzugekommenen Gebieten ansiedelten.

Die Krim selbst wurde bereits 1783 dem russischen Reich einverleibt. Das damalige Krim-Khanat war ein Vasallenstaat des Osmanischen Reiches und die folgende Russifizierung der Bevölkerung sorgte dafür, dass die dortige Bevölkerung mehrheitlich russisch wurde. Auch nach Ende des Bürgerkrieges verblieb die Krim als Teil der russischen sozialistischen Sowjetrepublik innerhalb der Sowjetunion. 

Erst 1954 wurde die Krim von Nikita Chruschtschow der Ukraine zugesprochen. Damals war dies kein Problem, da man natürlich nicht davon ausging, dass die Sowjetunion jemals zerfallen könnte. Das Problem entstand erst 1991, als sich die Ukraine für unabhängig erklärte, wie die anderen Sowjetrepubliken ebenfalls. Und schon damals konnte eine Abspaltung der Krim nur durch politischen Druck verhindert werden. Es entstand die autonome Republik Krim als Kompromiss.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Russland auf sich selbst zurückgeworfen. Damit einher ging ein erheblicher Statusverlust – Russland war zwar immer noch mächtig, aber keine Weltmacht mehr. 
Beide Faktoren widersprechen der Mentalität der Russen, die sich über die letzten Jahrhunderte in den Köpfen festgesetzt hatte. Und wie selbstverständlich betrachten die Russen daher die ehemaligen Sowjetrepubliken als ihre Einflusssphäre. Hierzu zählt natürlich auch die Ukraine und eine Annäherung Kiews an die EU wird als Affront betrachtet. 

Wie empfindlich Großmächte auf ein Eindringen anderer Mächte in ihre selbstgewählte Einflusssphäre reagieren, zeigen auch Beispiele von der anderen Seite des Atlantiks, nämlich die Kuba-Krise oder die Entmachtung von Präsident Allende in Chile.

Präsident Putin kann sich daher grundsätzlich auch der Unterstützung der Mehrheit der Russen sicher sein, verteidigt er doch nicht nur Landsleute, die sich in einem fremden Staat bedroht fühlen, sondern auch, weil sein Handeln den Grundwerten der russischen Mentalität entspricht. 
In diesem Zusammenhang sollte man nicht vergessen, dass die Krim nicht gegen ihren Willen annektiert wurde. Im Gegenteil. Die Mehrheit der dortigen Bevölkerung unterstützte die Angliederung an Russland ja!

Der starke Mann im Kreml

Es besteht kein Zweifel – Wladimir Putin hat Russland fest im Griff. Noch. Bereits die letzten Parlamentswahlen haben aufgezeigt, dass es auch eine Opposition gibt. Die Reaktionen der Staatsmacht auf nach westeuropäischen Maßstäben kleinen oppositionellen Demonstrationen zeigen, dass bereits der Versuch einer offenen Opposition im Keim erstickt werden soll. 

Präsident Putin ist sich durchaus bewusst, dass eine Entwicklung wie auf dem Maidan in Kiew in Moskau ebenfalls zumindest möglich wäre. Von daher ist es ihm auch politisch schlecht möglich, die Entwicklung in Kiew anzuerkennen. 
Es würde ihm auch als Schwäche ausgelegt werden, wenn eine pro-russische Regierung in einem Land, das zur Einflusssphäre Russlands gehört, durch eine pro-europäische Regierung gestürzt wird. Und Schwäche darf man als „starker Mann“ in Russland nicht zeigen.

Zu den Werten der Russen zählt ebenfalls, dass ein Mann stark zu sein hat, gerade auch wenn er der Regierung vorsteht. Oft wird Wladimir Putin mit freiem Oberkörper beim Sport in der Natur abgebildet. Was in Westeuropa mehr Grund zum Lächeln verursacht, erbringt in Russland den Beweis, dass er eben ein „echter Mann“ ist, was seiner Legitimität an der Staatsspitze förderlich ist.

Was Schwäche in Russland bedeutet belegt unter anderem das Beispiel von Nikita Chruschtschow, der nach der Kuba-Krise in der Öffentlichkeit als Verlierer wahrgenommen wurde. Auch dieser Umstand hat zu seiner Ablösung drei Jahre nach der Krise beigetragen.
Durch die Angliederung der Krim konnte sich Präsident Putin als ein starker Mann etablieren, der wieder sehr hohe Zustimmungswerte in der russischen Bevölkerung erzielt. Denn auch die Russen selbst empfinden mehrheitlich, dass die Krim mit ihrer russischen Bevölkerung eigentlich rechtmäßig zu Russland gehören sollte.

Mia s´an mia – Selbstbewußtsein auf russisch

Russland ist ein großes Land mit langen Grenzen. Früher standen an den Grenzen Feinde und deshalb musste man sie schützen. Dieser Umstand hat ebenfalls die russische Mentalität mit einem verstärkten Bedürfnis nach Sicherheit geprägt.

Gleichzeitig war Russland aber auch immer eine Großmacht, die schalten und walten konnte, wie sie es für richtig hielt. Andere Großmächte, wie beispielsweise Großbritannien und Frankreich, waren viel stärker gezwungen, sich mit ihren Nachbarn zu arrangieren. 

Dies hatte auch wirtschaftliche Gründe, denn beide Nationen waren und sind internationale Handelsnationen, eine Tradition, die Russland aufgrund seiner geographischen Lage und Geschichte weitgehend abgeht.

Dieser Umstand hatte natürlich zur Folge, dass das russische Bewusstsein dahingehend geprägt wurde, dass man wenig oder keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer Nationen nehmen muss.  
Aber die Welt ist gleichzeitig komplexer geworden, die Volkswirtschaften sind zunehmend voneinander abhängig und wirtschaftliche und politisch-diplomatische Interessen vermischen sich zunehmend.

Während in der westlichen Welt daher sowohl im Geschäftsleben, als auch in der Politik nach einer Win-Win-Lösung gesucht wird trifft man in Russland sehr häufig auf eine Win-Loose-Mentalität, die wiederum einher geht mit der Einstellung, um jeden Preis Stärke zeigen zu müssen.

Strategische Ambitionen

Auch wenn es im globalen Zusammenhang als nebensächlich erscheint, ist die Krim ein wesentlicher Baustein für die strategische Kontrolle des Schwarzen Meeres.

So liegt die russische Schwarzmeerflotte noch immer in Sewastopol, das einen Sonderstatus genoss. Ansonsten verfügt Russland über keine weiteren Militärbasen in der Region, die von Europa aus betrachtet eher am Rande liegt. 
Die Annexion der Krim bedeutete für Russland jedoch, sich auch einen militärischen strategischen Vorteil in einer Region, die Russland zu seiner ureigensten Interessenssphäre zählt, zurück zu verschaffen, auch wenn dies weltpolitisch eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der „starke Mann“ ist wieder da.

Heroes and villains?

Auch wenn die russische Vorgehensweise mit Blick auf die interkulturellen Erläuterungen verständlicher geworden sein mag, ist sie deshalb natürlich nicht als in Ordnung zu bezeichnen. Verstehen heißt nicht billigen.

Die Situation ist jedoch komplexer, als es meist dargestellt wird, indem sie auf die Verwerflichkeit der russischen Reaktion auf die Geschehnisse in der Ukraine reduziert wird.
Wer sich die Entwicklung der Krise vor Augen führt, wird sich der Tatsache nicht verschließen können, dass auch die Ukrainer entscheidend dazu beigetragen haben, u.a. durch die Missachtung der kulturellen Werte eines Großteils seiner Bevölkerung (Sprachenstreit) und der Missachtung eines bereits unter Beteiligung von Russland ausgehandelten diplomatischen Kompromisses. 

Letztlich aber unterscheidet sich die ukrainische Mentalität nicht sehr von der russischen, was wiederum die Ukrainer in eine prekäre Lage bringt.

Denn heute sind sie die Schwachen und müssen sich dem „großen Bruder“ gegen ihren Willen unterordnen. Dies verheißt keine schnelle Lösung des Konflikts und birgt weiterhin Sprengstoff für die Zukunft.


Frau Ekaterina Beekes ist Expertin für interkulturelles Management.
Als Beraterin zählen auch zahlreiche Konzerne zu ihren Kunden.





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