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39 Wochen. Das bin ich - und wer bist du?

Geschieden, alleinerziehend, Hartz IV. Und das Gefühl, absolut versagt zu haben. 39 Wochen lang begleiten wir eine Mutter, die versucht ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ob sie es schafft? Teil 2...



Meine Hand blutet. Das Blut läuft mir die ganzen fünf Finger herunter und vermischt sich mit dem Schaum und dem Wasser im Becken. Ich sehe zu meiner Hand hinunter, Schmerz empfinde ich keinen. Ich fühle nichts mehr. Keine Trauer, keine Angst, keine Sehnsucht die mich treibt – irgendwie bin ich einfach im Nichts verloren, gefangen.

Ich nehme das Tuch das an der Seite auf dem Tisch liegt und wickle mir meine Hand damit ein. Die Sonne scheint noch immer in mein Gesicht. Ich möchte weinen, aber keine Träne kommt.


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Fortsetzung der grossen Serie:


DAS BIN ICH – UND WER BIST DU?
39 Wochen – vom Anschlag bis zum Aufschlag
von Francis Butterfly

Teil 2 (Teil 1 verpasst? >>>hier zum nachlesen)


Noch drei Stunden, dann hole ich meinen kleinen Goldspatz vom Kindergarten ab. Der Haushalt lässt zu wünschen übrig. Die Mülltüten stapeln sich im Flur. Im Bad ist überall an den Fließen und an den Wänden übelriechender Schimmel, der sich tagtäglich auszubreiten scheint. 

Die Wände sind weiß gestrichen, direkt auf die nackte Oberfläche. Tapeten oder etwas Farbe, die die Räumlichkeiten mit Hoffnung und Frische verzieren würden, kann ich mir nicht leisten.

Ich stehe im Badezimmer vor dem Waschbecken. Mein Blick im Engelsspiegel, der direkt auf dem Waschbecken aufliegt, zeigt mir wie das Blut durch das Tuch hindurch fließt und nun auch hier alles Weiß in Rot verwandelt. 

Langsam setze ich mich auf das gegenüber stehende WC. Der Deckel ist bereits kaputt, also rutsche ich etwas herum, bis ich Halt habe. Dann erblicke ich mein Gesicht im Spiegel, die blutende Hand im Becken, dieser leere Gesichtsausdruck, der nicht zu mir gehören kann. 

Die Augenränder, die schlechte Haut, gezeichnete Falten aus vergangenen Niederlagen lassen mich den Blick abwenden. Das bin ich. Ob ich es nun wahrhaben möchte oder nicht.

Etwas geistesabwesend stehe ich wieder auf. Die Niedergeschlagenheit wandelt durch meinen ganzen Körper und hüllt mich in eine Stimmung, die mir verrät, das ich am Ende meiner Kräfte bin. Willenlos. Schweren Schrittes laufe ich wieder in die Küche. 

Im Flur bleibe ich kurz stehen, betrachte ein Foto meiner jüngsten Tochter, auf dem sie strahlt wie die Morgensonne. Vorwürfe spalten mir den Kopf, der nun auch schwerer auf meinen Schultern lastet. Mir bleibt die Luft zum atmen fast weg.

Während ich mir in der Küche auf meinem Stuhl sitzend die Hand genauer betrachte, merke ich, wie mir schwindlig wird. Ein frisches Tuch das ich fester anziehe stillt die Blutung. Es ist nicht schlimm, nur viel Blut ist geflossen, kein Drama.

Das wirkliche Drama ist diese unendliche Leere, die mich erfasst hat und mich nur schwach sein lässt. Mich meiner Ziele beraubt hat. Mir meine Sehnsüchte in die dunkelsten Fluten der Sinn-losigkeit warf.

Ständig diese innere Stimme, die mir tagtäglich die gleiche Frage immer und immer wieder ins Bewusstsein ruft – was ist der Sinn meines Seins, warum bin ich hier, wenn ich alles falsch mache und dabei bin, alles zu verlieren? 

Abgesehen davon, das ich nichts wirklich besitze. Mein Herz gehört meinen Kindern. Doch was kann ich ihnen bieten? Emotional bin ich ein Wrack. Finanziell unter dem Boden, nicht mal mehr auf ihm. 

Ich habe meine ganze Lebensfreude, meine Träume und meine Ziele auf dem Weg zum Glücklichsein gegen Schulden, Schmerzen und Einsamkeit getauscht. Und wer auch immer daran beteiligt war, entschieden habe immer ich für mich.

Es sind gerade mal 20 Minuten vergangen. Wenn man gedanklich im Schwachsinn feststeckt, vergeht die Zeit sinnlos und langsam. Jeder Tag hat 24 Stunden, jede Stunde 60 Minuten. 

Wenn du glücklich bist, vergeht alles wie im Flug und hinterlässt dir ein Gefühl, als wärst du immer nur an diesem Punkt, der dich erfüllt. Wenn du aber unglücklich bist, nagt jede Sekunde an dir, frisst deinen Verstand und lässt dich so fühlen, als wäre jeder augenblickliche Moment eine Ewigkeit.

Abends hat dann ein Tag voller Glück viele Momente in dir zum Ausdruck gebracht, die dich den Tag im Rückblick als wertvoll und vollständig erkennen lassen, und du ruhst, genießt. War es ein Tag wie dieser zu werden scheint ist es abends so, als hättest du ihn gar nicht erlebt. Als hättest du dich um diese ganze Zeit betrogen, die dich langatmig und mühselig in einen grausamen Schlaf treibt.

Ich versuche mich zu beherrschen. Immerhin besitze ich doch noch meinen Verstand. Ich muss es doch nur auch realistisch umsetzen. Ich erkenne doch gerade, was hier falsch läuft. Also rappel dich auf, sag ich mir, und fang einfach den Tag nochmal von Vorne an.

Kaffee. Ich mach mir erst mal einen guten Kaffee. Den Duft mag ich und meine Zigarette schmeckt mir dann auch besser. Also setze ich Kaffee auf und während er durchläuft gehe ich ins Wohnzimmer und lege eine Musik-CD ein, die mir helfen soll fröhlicher zu sein. 

Etwas beschwingt schenke ich mir eine Tasse ein und drehe mir eine Zigarette, setze mich wieder auf meinen Küchenstuhl. Ich nehme meinen Block und den Stift, die beide ununterbrochen auf dem Fensterbrett liegen, lehne mich zurück und versuche meine Gedanken in die richtige Richtung zu lenken um mir einen kleinen, aber erfüllbaren Plan zu machen.

Und schon ist es wieder da, dieses Gefühl das mich wertlos und träge macht. Zu viele Wünsche, Ziele und Hoffnungen zerstören die kleinsten Schritte die ich nach Vorne gehen möchte. Im Kopf schreit alles nur "Versager – das schaffst du eh nicht".

Die andere Stimme, die sich dagegen richtet, etwas laut aber nicht energisch genug, kommt kaum dagegen an.

Ich möchte weinen, aber keine Träne weicht aus meinen Augen. Diese spürbare Leere pustet sich in einem Nichts so auf, das ich tatsächlich schon spüren kann, aus wieviel Nichts und Leere ich bestehe...

Fortsetzung Teil 3 >>>hier zum weiterlesen
Teil 1 verpasst? >>>hier zum nachlesen






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